Moritzkirche, Augsburg

Die Erleuchtete

Hauptschiff
Ich hab's ja nicht so mit Kirchen. Also eigentlich so gar nicht. Also eigentlich so überhaupt gar nicht. Aber das soll nicht das Thema dieses Beitrags werden.
Und dann hab ich es auch nicht so mit Architekten. Meine Finger wollten wie selbstverständlich Arschitekten tippen - ich weiß auch nicht, woher das kam...
Die Dozenten an der Uni brachten uns damals Folgendes bei: Der größte Feind des Bauingenieurs ist der Ar(s)chitekt. Warum? Na, weil jener sich phantastische Gebäude ausdenkt, von denen der Bauingenieur dann sehen muss, wie sie gebaut werden können - und auch stehen bleiben! Aber auch das soll hier nicht das Thema sein.
Also: klare (vorgefertigte) Meinung zu Architekten und Kirche. Doch dann stand eine Dienstreise nach Augsburg an.
Links: Taufkapelle | Rechts: Hauptschiff
Wie immer vor solchen Reisen informierte ich mich online, was es Sehenswertes in einer mir bisher unbekannten Stadt gab. Immer in der Hoffnung, dass auf der Reise neben dem Beruf auch einige kostbare Momente für die Fotografie abgezwackt werden konnten.
Augsburg - da musste es doch was zu sehen geben. Natürlich: die Augsburger Puppenkiste (Jim Knopf, Lukas der Lokomotivführer, Kater Mikesch, Urmel aus dem Eis und wie sie alle hießen - Kindheitserinnerungen ließen grüßen). Leider sah die Augsburger Puppenkiste von außen eher weniger fotografierenswert aus. Ein stinknormales Gebäude älteren Baujahrs mit (immerhin) denkmalgeschützter Fassade - aber eben keine Kiste.
In meiner Reschersche :-) stieß ich dann immer wieder auf diese Kirche St. Moritz. Immer wieder. Und Zack! da waren sie sofort, meine Vorurteile: "Kirche! GGRRR! GRMBL! GHHH! GNIZP! GRUMPH!" Um es mal in Comicsprache auszudrücken.
Nördliches Seitenschiff
Die Moritzkirche ist eine der ältesten Kirchen Augsburgs - 1019 erbaut, durch Brände und Kriege zerstört und jedes Mal ein bisschen größer wieder aufgebaut. Von außen sieht sie aus wie so ziemlich jede Kirche nun mal aussieht: Hauptschiff, Seitenschiffe, Eingangsportal, Türme.
Der Innenraum (Sakralraum) jedoch wurde 2013 einer intensiven Neugestaltung unterzogen. Hierfür wurde eigens ein Londoner Architekturbüro beauftragt. Stararchitekt John Pawson hatte sich bereits durch die Gestaltung der Calvin Klein Stores in Tokio, Seoul, Paris und New York einen Namen gemacht (wer kennt sie nicht!?). Jetzt könnte man mal wieder über die Verwendung von Kirchensteuern diskutieren - aber der hat das bestimmt ehrenamtlich für die Kirche gemacht. Also lassen wir das.
Kreuzkapelle
Ja, die Moritzkirche hat mich wirklich beeindruckt. Sie hat rein gar nichts von kirchentypischer Einschüchterungs- oder goldbesetzter Prunk- und Protzarchitektur. Sie überzeugt durch schlichte Schönheit, Klarheit, Reinlichkeit.
Unter normalen Umständen hätte ich diese Kirche vermutlich niemals von innen gesehen. Einem akuten Wettersturz geschuldet (Schneefall und um die 0 °Celsius - Ende April!) verschlug es mich dann doch hinein. Heute bin ich für dieses Erlebnis sehr dankbar. Die Fotos waren tatsächlich bei trübstem Schmuddelwetter entstanden. Dennoch leuchtete der Sakralraum, ohne wirklich beleuchtet zu werden.
Nachfolgend ein paar Adjektive, die mir zu diesem Ort einfielen:
. ruhig und reduziert
. freundlich und einladend
. hell und klar
. geradlinig und schnörkellos
. anregend und besinnlich
Altar und Tabernakel
Auch einige Wochen später konnte ich feststellen, dass ich von meinen Eindrücken noch immer geflasht war. Großes Lob, Herr Architekt! Großes Lob, liebe Kirchenverantwortlichen! 
Und was lernen wir daraus? Vielleicht doch öfter mal auf die Vorurteile sch***** und neue Wege wagen. Abseits von vorgefertigten Strukturen im Kopf (umparken!). Vielleicht finde ich damit auch noch zu meiner persönlichen Erleuchtung. Ich bin bereit. Auf geht's!

Pfarrei St. Moritz, Moritzplatz 5, 86150 Augsburg, www.moritzkirche.de

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